Avengers: Age of Ultron – Wo liegt die Zukunft der Superhelden- Filme?

Lange vor der großen Superhelden-Welle versuchte sich Bryan Singer an einem Superman-Reboot und scheiterte mit Superman Returns grandios. Im Film verlässt Superman für einige Jahre die Erde und in seiner Abwesenheit schreibt Lois Lane – verbittert und im Stich gelassen – einen Artikel mit dem Thema „Why the world does not need Superman“. Natürlich kommt Superman eines Tages wieder, rettet die Welt, alte Liebe entflammt erneut und Miss Lane verfasst den Artikel „Why the world does need Superman.“ Aber stimmt das wirklich? Brauchen wir Superman oder irgendeinen anderen Helden? Brauchen wir Superheldenfilme? Und brauchen wir wirklich gerade jetzt den zweiten Avengers-Film?

Um die Frage nach dem Heldenmythos direkt zu beantworten: Ja, natürlich brauchen wir Helden. Wir haben sie immer gebraucht und werden es auch immer tun. Denn egal wie man diesen Terminus definiert, der Mensch braucht jemanden, zu dem er aufschauen kann, um selbst etwas besser zu werden. Eine starke Figur, die seine Schwächen trägt. Schon Aristoteles schreibt in seiner Dramentheorie, dass in Tragödien die besseren Menschen die Hauptrollen spielen müssen, damit ihr Handeln und auch ihr Scheitern mehr Gewicht erhält. Egal ob Herkules, König Ödipus, shakespearsche Adelige oder gar Jesus selbst: Sie alle sind Figuren, die höher, größer und mächtiger sind als ihre Zuschauer. Und heutzutage sind diese Figuren eben „super“.

Wir als Kinozuschauer stecken gerade mitten in einem Genrebildungsprozess erster Güte. Nach Hickethiers Phasenmodell entsteht ein Genre dadurch, dass ein Werk immense Erfolge feiert (Entstehungsphase). Dann wird diese Erfolgsformel kopiert und der Markt geflutet (Stabilisierungsphase) bis die Zuschauer keine Lust mehr nach dieser Art von Film verspüren (Erschöpfungsphase). Nach langer Pause setzt dann eine Art Renaissance ein, in der das Genre in neue Richtungen gelenkt wird (Neubildungsphase).

Das ist soweit schön und gut, aber das Problem mit Superheldenfilmen ist, dass es die Neubildungsphase schon längst gab: Wir sind mit Filmen wie Kick Ass, Scott Pilgrim und Super bereits in den Comics meta gewesen. Wir hatten unsere Dark Knights und Sin Citys um die inhaltlichen und visuellen Grenzen auszuloten. Das Genre hat also keinen Fluchtweg, keine Alternativroute mehr, wenn es erstmal erschöpft ist. Die Frage ist also ob die Avengers, die damals vielleicht der entscheidende Grundsteine zur Genrefestigung waren, nun nicht nur die Welt, sondern sogar die Filmwelt retten können.

Avengers 2: Age of Ultron geht in eine ähnliche politische Richtung wie schon Captain America 2: The Winter Solider und stellt ein paar unangenehme Fragen über das Wesen von Regierungen und Heldentruppen. Gleich am Anfang finden die Avengers in einem Nazilabor zwei Kinder, die sich freiwillig dazu gemeldet haben, dass man an ihnen gefährliche Experimente durchführt, um sie zu Supermenschen zu machen. Genau das gleiche Prozedere also, welches mit Captain America durchgeführt wurde, nur eben in böse, weil Nazis. Als die US-Machthaber dann anmerken, dass es heutzutage etwas völlig anderes sei, weil sie ja nicht mehr im Krieg sind, entgegnet der Cap persönlich: „Well, they are.“

Das ist ein cleverer Ansatz: Die Welt ist immer irgendwo, irgendwie im Krieg, es gibt ständig Konflikte und auf jeder Seite haben die Menschen ihre Gründe sich zu opfern, Wagnisse einzugehen und für das zu kämpfen, woran sie glauben, selbst wenn wir diesen Glauben nicht teilen.

Als Antwort auf die ständige Bedrohung von außen entwickelt Tony Stark die künstliche Intelligenz Ultron. Dieser hätte fast das Zeug dazu, ein Filmbösewicht für die Ewigkeit zu werden, weil er nicht nur jene kritischen Fragen stellt, sondern sie geradezu verkörpert. In einer fabelhaften Geburtszene lernt er alles über die Welt aus dem Datenpool des Internets und ist rein faktisch davon überzeugt, dass die Avengers die Bösewichte dieser Geschichte sind: Sie bringen Menschen um, sie legen Städte in Schutt und Asche, erschaffen ihre eigenen Feinde und lösen nur die Konflikte, die sie selbst ohnehin verursachen.

Spätestens als eine der neuen Figuren zu bedenken gibt: “Wäre ich ein Monster, dann wüsste ich es nicht.”, sollte man anfangen die Selbstwahrnehmung der Protagonisten zu hinterfragen. Vielleicht waren wir als Zuschauer ohne es zu wissen die ganze Zeit unbewusst auf der Seiten der Schurken und nicht der Helden?

Das Problem an Ultrons Weltansicht ist, dass Moral nicht berechnet werden kann und mehr ist als die Summe von Daten. Auch daran arbeitet sich der Film oft ab: Darf man es riskieren tausende Menschen zu opfern um eine Million zu retten? Wo sind die Grenzen der eigenen Verantwortung? Wenn die Avengers wirklich eine bessere Welt schaffen wollen, warum nutzen sie dann ihre Superkräfte nicht um hoch effizient Getreide anzubauen und den Welthunger zu stillen oder arbeiten in sozialen Einrichtungen? Zugegeben, Thor 3: Tagesdienst in der Suppenküche wäre ein recht langweiliger Blockbuster, trotzdem ist die Frage valide. Wenn die Avengers darauf keine Antwort wissen, ist ihr Gutmenschentum am Ende vielleicht nur ein Lippenbekenntnis.

Ultron klopft seine Moralvorstellungen innerhalb eines Tages fest und weicht nicht mehr von ihnen ab. Dies sollte eigentlich ein dunkles Spiegelbild für die Avengers sein, die all ihre Handlungen selbstverständlich als richtig und gerechtfertig begreifen, ohne sie jemals zu hinterfragen, aber in diesen Spiegel blicken wir bedauerlicher Weise nie.

Die Fragen sind nicht neu aber dennoch interessant, komplex und notwendig für das Genre. Der Film selbst drückt sich leider davor, sie konsequent zu Ende zu denken und entscheidet sich dafür, pure Unterhaltung mit schöner Action zu sein. Ab einer gewissen Stelle übertünchen seine Explosionen all das schöne moralische Grau, das er versprüht hat, um es wieder in Schwarz und Weiß zu verwandeln. Ultron ist doch irgendwie wahnsinnig und will einfach viele Menschen umbringen. Die Avengers haben doch recht, sind keine Schurken sondern Helden. Die Guten sind gut, die Bösen sind böse und die hübschen Bösen werden gut, weil gut besser ist.

Dabei ist auffällig, wieviel Doppelmoral hier und da ausgeschenkt wird. Im Kern ist Avengers: Age of Ultron eine Frankensteingeschichte: Ein Wissenschaftler überschreitet eine Grenze und erschafft mit guten Vorsätzen ein Monster, das außer Kontrolle gerät. Nur wird dieser Fehler im Laufe des Films sogar wiederholt und belohnt – zwei Mal Unrecht ergibt Recht.

An einem Punkt können die Avengers viele Menschen retten, wenn sie wenige opfern würden. Um zu beweisen, dass Ultron sich in ihnen irrt, möchten sie aber alle retten. Das ist nett gedacht, aber wieder nur sehr lokal, da vor und nach diesem Event überall auf der Welt weiterhin Menschen sterben. Das scheint egal, weil es sich nur um normale Tode und keine Supertode handelt. Wieder kommt Nolans Joker in Erinnerung: „I tell the press that, like, a gang banger will get shot or a truckload of soldiers will be blown up, nobody panics, because it’s all `part of the plan´.”

Die Welt der Superhelden konstituiert sich an Erwartungshaltungen. Thor kann nicht in Suppenküchen jobben und Superman kann nicht in den Urlaub fliegen, weil die Welt von ihnen erwartet, dass sie ihre Kräfte ständig in dem Maße einsetzen, welches wir für richtig erachten. Diese Ansprüche sind ein exaktes Echo der Erwartungen, die wir als Zuschauer haben: Die Superhelden können und sollen sich eben nur um Superprobleme kümmern. Welche Gesetze sie dabei brechen, welche Rechte sie dafür in Anspruch nehmen und wessen Leben sie riskieren, ist irrelevant, weil sie besser sind als wir. Manchmal können sie zweifeln und wanken, aber am Ende bleibt ihr Heldentum unantastbar.

Ein Grund warum Ultron die Avengers nicht nur töten, sondern vernichten will ist, dass sie die Welt daran hindern sich weiterzuentwickeln – sie wollen keinen „Frieden“, sondern nur „Ruhe“, sind nicht bereit über den Status Quo hinauszugehen und halten dies für die beste aller möglichen Welten. Eine ideale Metapher für den Film! Keine Risiken eingehen, die Franchise schützen, die Figuren erhalten, die kontroversen Fragen stellen, aber einfache Antworten geben und schnell wieder den Blockbustergang einlegen, ehe jemand nachhakt.

Die Massenproduktion von Superheldenfilmen hat das Filmgeschäft in vielen Bereichen serialisiert und Avengers 2 ist ein Paradebeispiel für die damit einhergehenden Symptome: Er bietet perfektionierte Unterhaltung, in der überhaupt nichts auf dem Spiel steht. Die Welt muss gerettet werden, die Figuren müssen überleben und die Änderungen müssen graduell sein, weil ansonsten das nächste Installment leidet. Ultron wirft den Avengers vor, Marionetten zu sein, die sich einfach instrumentalisieren lassen und auf einer Metaebene scheint er recht zu behalten, denn die Marvelstudios ziehen gekonnt an den Fäden und lassen die Puppen tanzen.

Noch ist das Genre frisch und unterhaltsam und Avengers 2 bildet keine Ausnahme, sondern sogar eine Perfektion der Formel. Aber solange es nur eine Formel bleibt, wird sie sich irgendwann erschöpfen. Auswege bietet ein System à la Christopher Nolan, der von Anfang an eben nur genau drei Filme produzieren wollte, in denen dann auch Figuren sterben können, weil es nicht weiter geht oder der am Horizont schimmernde Suicide Squad, der aus der Sicht von Superschurken erzählt wird.

Avengers: Age of Ultron ist Popcornkino in Reinkultur und ein fantastisches Event, doch er ist ein wenig zu klug für sich selbst und legt den Finger in Wunden, die er nicht verarzten kann oder will. Wäre man ein Zyniker, könnte man dem Film die gleiche Frage stellen, wie einem Superhelden, der sich weigert die Welt zu retten: Du hast all diese Kräfte und das Potential! Warum nutzt du es nicht? Was bleibt der bittersüße Beigeschmack von Popcorn, und der Nachklang von Ultrons wahrem Wahnsinn, dass wir als Zuschauer durch die bloße Existenz der Avengers in dieser alten Filmwelt gefangen bleiben, im Status Quo, den wir als perfekt ansehen, weil wir nicht bereit sind Opfer zu bringen.

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