50 Shades of Meh – Pornos sind auch nicht mehr das, was sie mal waren

In Zukunft werde ich versuchen häufiger Pornos anzuschauen, denn eine Sache muss ich ihnen lassen: zumindest sind sie ehrlich. Ihr wollt charakterlose, aber hübsch anzusehende Figuren miteinander ficken sehen? Hier! Porno! Make yourself at home, halt die Taschentücher bereit, schüttel ab oder steck rein und dann weiter im Text. Pornos tun nicht so, als wären sie Kunst oder große Unterhaltung, genauso wenig wie ein Skilift so tut, als wäre er eine Märchenkutsche – beide existieren nur aus einem Grund: um dich schnell und effizient zum Höhepunkt zu bringen. Neuerdings kommen jedoch immer mehr Pornos in die Kinos, die versuchen sich als Märchenkutsche auszugeben.

Einmal möchte ich in einem Bistro sitzen und eine Konversation mit den Satz „Und dann habe ich mir auch noch den zweiten Teil von Analkommando angeguckt, weil ich sehen wollte, wie sich die Hauptdarstellerin schauspielerisch weiterentwickelt hat.“ beginnen, ohne blöd angeguckt zu werden. Über Sex redet man nicht, über alles andere schon und genau das hat sich die Filmindustrie lange Zeit zu Nutze gemacht.

Als man noch ein wohlfein Teeniebub war, da ging man ab und zu in zotige Highschool-Comedys, um ein wenig Busen hier und ein bisschen Bikini da zu erhaschen. Natürlich war alles in fluffiges Drumherum eingepackt und man musste nie zugeben, dass man eigentlich nur etwas Weibliches auf der Leinwand sehen wollte, sondern man konnte immer sagen, man habe den Film angesehen, weil er so witzig sei. Titten reiner Nebeneffekt. Ehrlich.

So funktionieren im Übrigen auch Pornos: Unsere niedersten Instinkte werden primitivst angesprochen und die Figuren verkommen zu Objekten und Werkzeugen unserer Gelüste. Niemand will in einem Porno Persönlichkeit sehen, denn sobald wir eine Beziehung zu den Figuren aufbauen, haben wir ein viel schlechteres Gewissen, wenn wir sie mental durchorgeln.

Das Ganze wirkt schon weitaus weniger schäbig, wenn wir die bösen Begriffe wie „Geilheit“ und „Lust“ durch die weitaus schönere Formulierung „Wishfulfillment“ ersetzen. An Wünschen kann ja gar nicht so viel schlechtes dran sein und viele Teenagermännlein wünschen sich bestimmt genau das, was Highschool-Comedys vermitteln: wilde Partys auf denen viel zu hübsche Mädels sehr willig sind, alles zu machen, worauf du Lust hast. Es ist der gleiche Wunsch, den der geneigte Pornogucker hat: unkomplizierter Sex mit schönen Frauen zu selbst gewählten Konditionen.

Bei 50 Shades of Grey sieht das alles etwas anders aus. Der Film wird am Valentinstag veröffentlicht. Eine unmissverständliche Botschaft der Studios, die uns zubrüllt: „Es geht hier [auch] um LIEBE, ihr unromantischen Kackaffen!“ Denn Sex ist für Jungs und Liebe ist, wie wir wissen, für Mädels.

50 Shades ist für die Demographie „weiblich, 30 plus“, was Twilight für die Tweens und Teens dieser Welt war: Wishfulfillment, Porno im Schafspelz. Kein Wunder, ist es doch aus einer sexy Twilight Fan-Fiction mit Bella und Edward entstanden – und so fühlt es sich auch bis heute an. Ein starker Mann, ein reicher Mann, eine Studentin, die sich wie die letzte Waldgurke verhält, aber von der wir wissen, dass sie schlau ist, weil sie Literatur studiert, ganz viel Erotik, die aber kein Ausdruck von Sex sondern von Liebe ist. Ganz viel Bondage und Co. finden zwar drin statt, aber hier kommen die zwei Schlaglichter: 1. Mr. Grey hatte auch eine ganz doll schwere Kindheit. 2. Man kann ihn ändern!

Denn eigentlich wollen alle Frauen genau das: einen Mann, der stark genug ist, um das Essen auf den Tisch zu bringen und alles zu entscheiden, aber der tief im Inneren auch ein bisschen ein Hundewelpe mit einem kaputten Fuß ist, den man pflegen kann, damit er einen lieb hat. Mit dem Klischee, dass jede Frau jeden Mann ändern will, verhält es sich genauso wie mit dem Klischee, dass jeder Mann auf große Titten steht: Je öfter es der breiten Masse in sämtlichen Medien um die Ohren gehauen wird, desto mehr glauben alle daran, dass es wahr ist – und genau dadurch wird es wahr.

Doch die größte Sünde sowohl an Twilight als auch an 50 Shades ist die komplette Belanglosigkeit dieser Werke. Es galoppiert eine uninspirierte Hochglanzlangeweile durch die Kinosäle, die so tut als wäre sie ein Tabubruch oder eine Romanze. Langweilige Frauen gehen ins Kino, um etwas Aufregendes über sich erzählen zu können, merken aber nicht, dass es nichts Langweiligeres und Unaufregenderes gibt, als 50 Shades of Grey zu gucken. Das einzig Spannende, über das es zu reden lohnt, ist der ungerechtfertigte Erfolg.

Nichts, was in diesen Filmen passiert ist neu, nichts ist skandalös. Es werden nur vermeintliche Skandalthemen durch das Marketing lanciert, die am Ende nicht prekärer sind als jeder Ärtzeroman, den man am Bahnhof kaufen kann. Nur, dass wir es hier eben mit einem Multimillionen-Dollar-Ärzteroman zu tun haben. Jedoch mit dem Unterschied, dass man bei einem Ärzteroman zumindest weiß, dass es sich um billigen Schund handelt, den niemand wirklich ernst nimmt, der bei klarem Verstand ist.

Das alles wäre gar nicht weiter schlimm, wenn die Macher wenigstens die Frau in eine Machtstellung setzen würden, damit ein gewisses Gleichgewicht erhalten bleibt. Der dreckige Deal ist jedoch: Ich darf einen Mann im Kleinen ändern, wenn ich mich ihm und seinen Finanzen im Großen unterwerfe. Wir Männer sollten solchen Filmen dankbar sein, denn sie züchten uns eine sexuell willige, unselbstständige Brut an Hausfräulein heran, deren ewige Treue wir damit erhalten können, dass sie ab und zu unsere Krawatten aussuchen dürfen, wir einmal im Jahr Emotionen zeigen und natürlich unseren Kontostand pflegen.
Wenn es doch nur ein Wort dafür gäbe. Frauen, die sexuell hörig sind und dafür Geld oder materielle Güter erhalten… ich komm nicht drauf.

Um es ganz deutlich zu sagen: Sex (oder gar Prostitution) mit Liebe zu verwechseln, das ist wirklich ein Anfängerfehler. Aber wir alle brauchen ab und zu unsere kleinen Pornos, ab und zu unser Wishfulfillment, müssen uns auch manchmal in primitive Fantasien flüchten, um die Komplexität des Lebens zu ertragen. Und auch dafür gibt es Filme. Wenn 50 Shades oder Twilight also eure Säfte wirklich in Wallungen versetzen: good for you!

Warum ist es aber nun in diesem Meer an available Porn ausgerechnet 50 Shades, das die Mütter und Prüderisten der Nation dazu bringt, beim Kaffeekränzchen darüber zu tratschen und sich dadurch ein kleines bisschen verrucht zu fühlen? Ganz einfach: weil man darüber redet. Und wenn man über etwas redet, heißt es, dass darüber auch geredet werden darf. Die Pornogespräche sind aus dem Hinterzimmer gekommen, um am Bistrotisch zu sitzen und endlich darf man ein bisschen pervers sein, ohne doof angeguckt zu werden.

Pornos sind ehrlich und vielleicht sollten wir das auch häufiger sein. Anstatt uns von den Feuilletons vorschreiben zu lassen, über welche Themen wir in der Öffentlichkeit reden können und uns von cleveren Marketing-Strategen sagen zu lassen, welchen Fetisch wir gerade ausleben dürfen, sollten wir erwachsen werden. Erwachsensein heißt nämlich auch, sich über seinen Körper und seine Gelüste im Klaren zu sein, ohne sich dafür zu schämen und zu wissen, wann man worüber sprechen möchte.

Wenn das als Konsequenz hat, dass ihr ab und zu mit einem Bündel Groschenromane unterm Arm erhobenen Hauptes in das Hinterzimmer einer Videothek geht und dort für das Wochenende ein paar billige, schmutzige Streifen ausleiht, dann habt ihr meinen Segen mehr als jeder Mensch, der das gleiche Geld für nur eine Kinokarte von 50 Shades of Grey ausgibt und danach so tut, als hätte er einen richtigen Film gesehen, der es Wert ist, dass man über ihn spricht.