Interstellar who? – Zur Genialität von Christopher Nolans The Prestige

Neulich hatte ich wieder einen dieser Fieberträume, in denen ich von lauten, dummen Actionfilmen gejagt wurde: Transformers zu meiner Linken, The Fast and the Furious zu meiner Rechten! Als ich schweißgebadet erwachte, sandte ich ein kurzes Stoßgebet zum Hollywood-Himmel und dankte dem Gott der Produzenten für Christopher Nolan, der es schafft Filme zu machen die großartige Blockbuster sind und trotzdem ungeahnt tiefgründig daherkommen. Gerade ist sein Neuling Interstellar in den deutschen Kinos. Aber das Genie brach sich schon vor The Dark Knight und Inception Bahn. Paradebeispiel: The Prestige.

„Are you watching closely“ ist nicht nur der erste Satz, den wir in The Prestige hören, sondern auch ein Leitfaden für uns Zuschauer den Film zu hinterfragen. Denn was uns dort geboten wird, geht über die einfache Geschichte von zwei rivalisierenden Magiern um die Jahrhundertwende hinaus, und entwickelt sich, wenn man genauer hinschaut, zu einer Abhandlung über die menschliche Identität.

ACHTUNG: SPOILER

Die Geschichte  von Alfred Borden (Christian Bale) und Robert Angier (Hugh Jackman), hat ihren Dreh- und Angelpunkt in einem Zaubertrick, der einfach zu gut ist um wahr zu sein: „The Transported Man“. Borden betritt einen Kleiderschrank am einen Ende der Bühne und kommt eine Sekunde später am anderen wieder heraus. Angier ist wie besessen davon, herauszufinden, wie dieser Trick funktioniert und dies ist der Motor, der die gesamte Geschichte antreibt.

Angiers Assistent Cutter sagt ihm, dass diese Darbietung nur möglich ist, wenn es einen Doppelgänger von Borden gibt, aber Angier lehnt dies ab: es ist zu simpel, zu flach. Er ist sich sicher, dass derselbe Mann auf der einen Seite der Bühne den Schrank betritt und auf der anderen Seite herauskommt.

Das Ulkige an der Sache: Wir glauben Angier. Es ist die Mitte des Filmes und ein Doppelgänger ist eine zu einfache Lösung für diesen großartigen Trick. Aber Cutter hat Recht. Wir lassen uns auf Angiers Argumentation ein, denn vielleicht wollen wir ja getäuscht werden. Oder wie es Cutter selbst formuliert:

„Now you’re looking for the secret… but you won’t find it, because of course you’re not really looking. You don’t really want to work it out. You want to be fooled.”

Wir finden später heraus, dass der Doppelgänger von Borden dessen Zwillingsbruder ist; ein Bruder, der vor der Welt geheimgehalten wurde, der sich mit Borden ein Leben, eine Frau geteilt hat, ohne dass jemals jemand etwas davon wusste. Die beiden haben jeder nur ein halbes Leben gelebt, damit der Trick funktioniert und gingen sogar so weit, sich zu verstümmeln um einander ähnlicher zu sein.

Dies alles weiß Angier natürlich nicht und so begibt er sich auf die Suche nach einer Lösung für den Trick. Dabei findet er zuerst einen eigenen Doppelgänger: einen arbeitslosen, trunkenen Schauspieler, der ihm bis aufs Haar gleicht. Doch irgendwann wird der Spielpartner übermütig und die Vorstellung platzt.

In seiner Verzweiflung wendet sich Angier an den Wissenschaftler Nikola Tesla, dem etwas Unmögliches gelingt: er baut eine Maschine, die Menschen klonen und teleportieren kann. Der einzige Haken: man weiß nicht, ob man der Teleportierte oder der Klon ist, und damit der Trick funktioniert muss einer der beiden am Ende der Vorstellung sterben.

Nolan setzt den beiden großen Mysterien des Filmes, sowohl dem Transported Man als auch Angiers späterem Trick, die Krone auf, indem er sie schon zu Beginn des Filmes entlarvt, ohne dass wir es merken. Wir sehen in einer der ersten Szenen einen Trick, der uns noch öfter begegnen wird: ein Vogel im Käfig verschwindet und taucht daraufhin wieder auf. Später beginnt ein Junge zu weinen, obwohl er den lebenden Vogel sieht. Er fragt: „Was ist denn mit seinem Bruder?“. Er hat recht: Beim Trick mit dem Vogel muss immer einer der Vögel sterben, vom Käfig zerquescht werden. Dann wird er durch einen anderen, durch seinen Bruder ausgetauscht. Dies ist einerseits die Auflösung für Angiers Trick aber auch die von Bordens. Zwei Doppelgängertricks in einem.

Uns wird eine undurchdringliche Welt von Doppelungen gezeigt: Angier und der Schauspieler, Angier und seine Klone, Borden und dessen Zwilling, die Freundinnen der beiden, der Wissenschaftler Tesla und dessen Doppel Edison. Aber vielleicht der wichtigste Aspekt: sogar Angier und Borden sind in gewisser Weise Doppelgänger voneinander. Sie sehen zwar verschieden aus, aber sie haben die gleichen Ziele, die gleichen Ängste, die gleichen Lebenswege. An einer Stelle verfolgt Angier Borden und sieht, dass er zu seiner Frau heimgeht. „I saw happiness …happiness that should have been mine.“, und wenig später zieht er die Schlussfolgerung: „The man stole my life. I’m going to steal his trick.“

Es zeichnet sich hier ein Schema ab: zwei Menschen beanspruchen die gleiche Identität für sich und es endet darin, dass einer von ihnen zerstört wird. Im Zuge des Films sind diese zerstörten Figuren Doppelgänger, Zwillinge, Klone und am Ende Angier und Borden selbst, bis nur noch einer übrig ist.

Diese Thematik der Identität ist schon in der narrativen Struktur verankert: Der Film wird uns durch ein Tagebuch erzählt, das Borden liest. An einem bestimmten Punkt kommt in diesem Tagebuch Angier vor, der auch ein Tagebuch liest und die Erzählung geht weiter. Wie sich später herausstellt sind beide Tagebücher Fälschungen. Der Film verschachtelt sich also in sich selbst in Form von Tagebüchern – den intimsten Dokumenten eines Menschen, die Ausdruck über seine Persönlichkeit geben sollen – und beide sind nichts als Lügen.

Was sagt dieser Film also aus über uns und unsere Identität? Um dieses Rätsel zu lösen, schauen wir uns einmal die große Erklärung über Zaubertricks und deren Aufbau an, die der Film liefert:

“Every great magic trick consists of three parts or acts. The first part is called ‘The Pledge’. The magician shows you something ordinary: a deck of cards, a bird or a man. He shows you this object. Perhaps he asks you to inspect it to see if it is indeed real, unaltered, normal. But of course… it probably isn’t. The second act is called ‘The Turn’. The magician takes the ordinary something and makes it do something extraordinary. Now you’re looking for the secret… but you won’t find it, because of course you’re not really looking. You don’t really want to know. You want to be fooled. But you wouldn’t clap yet. Because making something disappear isn’t enough; you have to bring it back.

That’s why every magic trick has a third act, the hardest part, the part we call ‘The Prestige’.

Drei Akte also: 1. etwas Normales zeigen, 2. die Normalität aufheben, 3. die Normalität zurückbringen. Simpel genug. Es gibt aber noch etwas anderes, dass drei Akte besitzt: nämlich ein Drehbuch nach Hollywood-Standards – und auch der Film Prestige gehört dazu. Wenn wir also davon ausgehen, dass der Film die Identität der Menschen thematisiert, fallen uns hier überraschende Parallelen auf: 1. Im ersten Akt des Filmes denken wir, dass wir uns in einer Welt befinden, in der jeder einmalig ist. 2. Im Zweiten Akt geht der Wahnsinn mit den Doppelgängern los – nichts ist mehr normal, jeder ist ein vielfaches. 3. Aber dann, als alle Klone und Zwillinge tot sind, gibt es nur noch eine Identität, die wiederhergestellt wurde. Happy End.

Nicht so schnell! Das bedeutet also, dass der gesamte Film über Zauberer, den Regeln eines Zauberkunststückes folgt? Wann spielt der nochmal? Um die Jahrhundertwende…ungefähr zu der Zeit, als das Kino gerade aufkam. Die Zaubershows sind also der Vorläufer und vielmehr das Äquivalent zum Kino und wir, der Zuschauer im Kinosessel schauen uns einen ausformulierten Zaubertrick an. Aber was wurde uns vorhin vorgeworfen?

“You’re not really looking. You don’t really want to work it out. You want to be fooled.”

Wenn wir gerade nichts weiter gesehen haben als einen Zaubertrick, was ist dann die Wahrheit hinter den Kulissen? Ganz einfach: Wir haben eine Welt erlebt, die von Doppelgängern, Klonen und Zwillingen wimmelt, eine Welt in der niemand einmalig ist und jetzt fühlen wir uns wohl in dem Glauben, dass es doch nicht so ist, dass die Welt heil ist. Die Wahrheit, die wir nicht sehen wollen, weil wir getäuscht werden möchten ist (laut Film), dass wir umgeben sind von all diesem Wahnsinn: Es gibt unsere Zwillinge, unsere Klone, die Widersacher, die uns unsere Identität streitig machen. Die wahre Illusion, sagt uns Prestige, ist der Glaube daran, dass wir einmalig seien.

Ironischerweise legt Nolan eine Aussage, die genau auf diesen Punkt eingeht, in den Mund des ersten Doppelgängers, des Trunkenboldes Root, der nach einer erfolgreichen Show zu Angier sagt:

“You would drink, too, if you knew the world half as well as I do. Did you think you were unique, Mr Angier?”

Aber natürlich glauben wir dem betrunken Schauspieler nicht, natürlich klammern wir uns weiterhin an unsere Einmaligkeit, natürlich schauen wir nicht genau hin, denn schließlich fühlen wir uns doch wohl, als einmalige Person in unserem Kinosessel – denn am Ende wollen wir doch getäuscht werden.